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Kanzelschreiber

Bad Höhenstadt 2015

Gestatten: Wurst

Meine sehr geehrte Verzehrerinnen und Verzehrer!

Gestatten: Wurst!

Wie schön, dass sie heute mal aus meinem Munde zu hören bekommen, bevor ich in dem Ihrigen lande. Viele von Ihnen sind schon mehrmals meinesgleichen mit Messer und Gabel zu Leibe gerückt, ein Schicksal, dass ich gerne noch ein wenig hinausreden möchte. Obgleich es natürlich irgendwo für Unsereinen auch rührend ist, dass wir Blut- und Leberwürste durch diesen Feiertag wieder aus vulgär rustikaler Vergesslichkeit emporgehoben werden, wenigstens für einen Tag.

Man hat es ja nicht mehr leicht als Blutwurst, seit der Kleinhäusler, der Habenichts, seit dieser gesamte Stand der Fretter sich erhoben hat, der sich früher so ein Blutwurst wie mich gar nicht hätte leisten können, schon überhaupt nicht am Faschingstag, wo er meist das wenige Geld schon versoffen hatte, um sein Elend wenigsten einmal im Jahr im Bier zu ertränken. Nein, an so einen Festschmaus, da wagte er nicht mal zu denken. Die Blutwurst war einer der Höhepunkte des Saustechens und Saustechen kann nur, wer eine Sau sein Eigen nennt. Da musste man zumindest ein Bauer sein, dass man in den Genuss einer Blutwurst kam, oder als Magd und Knecht auf einem Bauernhof verdingt sein. Freilich, auch der Schullehrer kam manchmal in den herzhaften Genuss, wenn er sich redlich am missratenen Nachwuchs abmühte. Aber ein Häusler? Niemals! Der musste froh sein, wenn wenigstens Brot auf den Tisch kam. So hatte die Welt bis vor zwei Generationen ihre feste Ordnung. Wer sowieso schon im Überfluss lebte, der bekam auch noch das beste Essen, inklusive Blut- und Leberwurst.

Wie es kam

Aber vor zwei Generationen wandelte sich die Welt, vor allem und auch in der niederbayerischen Behäbigkeit. Weil man Europa und noch dazu Deutschland nach der großen Rauferei in Sozialismus und Freiheit geteilt hatte, rückte der nach Ende des goldenen Salzhandels  vergessene ostbayerische Raum in den Fokus des großen politischen Interesses. Plötzlich war man eine vom eisernen Vorhang besonders betroffene Gegend, was vorher kaum jemandem aufgefallen wäre, denn der Grenzverkehr nach Böhmen interessierte die wenigsten. Die Niederbayern hatten genug mit dem täglichen Überleben zu tun. Aber die Grenzlandsonderabschreibung hat das karge Bauernland gründlich verändert. Auf einmal schossen allerorts Fabriken wie Schwammerl nach einem Sommerregen aus dem Boden und machten die Habenichtse zu Fabrikarbeitern und die landernährende Bauernschaft zu Nebenerwerbslandwirten. Es dauerte nicht lang, dann stand beim Häusler der Schweinsbraten auf dem Mittagstisch und so manches andere, was eigentlich dem Saubesitzer vorbehalten war. Es brach eine regelrechte Goldgräberstimmung bei den Metzgern aus, ob der unerwarteten Kundschaft aus dem neuen Arbeitermilieu. Aber mich, die altehrwürdige Blutwurst, die ächtete man geflissentlich als Symbol der besiegten Bauernvormacht. „Blut- und Leberwurst? Na, da kannst mir gehen!“ So hörte ich von der ansonsten einkaufsunerfahrenen Häuslerkundschaft, während ich eigentlich verlockend aber zunehmend verschämter in der Auslage von Tag zu Tag speckiger den abschätzigen Blicken ausgesetzt war.

Es hat mich ja immer schon bis zum letzten Wurstzipfel geärgert, wenn man mich eine Blunzn nannte. Blunzn, derber geht’s wohl gar nicht. Eine Blunzn bin ich nicht. Wenn ich das Wort Blunzn höre, dann habe ich ein ziemlich ausladendes Bild von einem üppig ausgeuferten Frauenzimmer jenseits barocker Schönheit vor meinem inneren Fettauge. Wer möchte angesichts einer solchen Erscheinung selber Blunzn geheißen werden. Nein! Wer meinen Verzehr in Erwägung zieht, der möge mich bitteschön respektvoll mit Blutwurst betiteln. Immerhin wurde ich aus dem Saft des Lebens hergestellt.

Als ich immer länger und schon überständig in der Ladentheke lag, da dachte ich mir: Noch schlimmer kann es nicht kommen, aber da sollte ich irren. Denn als sie sich sattgefressen hatten, diese geldversklavten Industriearbeiter, da merkten sie, dass ihre Leiber angewachsen waren, wie der pralle Ranzen eines Rottaler Großbauern oder das vollmondige Hinterteil seiner nicht minder wohlgeratenen Gattin. Der ungehemmten Fresswelle folgte die Fitnesswelle. Bewegung in der Freizeit, weil man mehr verzehrte, als die Fabrikarbeit verbrauchte. Als Wurst weiß man, wenn man voll ist, der Mensch kennt das nicht. Wer das nicht glaubt, besuche am späten Nachmittag das Oktoberfest in der Landeshauptstadt München. Da sind die Gäste zumindest so überfüllt, wie die Bierzelte. Am Hirn kann es also nicht liegen, denn das ist nicht mal in der Hirnwurst in nennenswerter Menge vorhanden, als Blutwurst verzichtet man ja praktisch völlig auf diese Denksubstanz.

Die Saladisten

Als wir Blut- und Leberwürste also glaubten, das gröbste sei vorbei und wir könnten langsam wieder den verdienten Einzug in die Hausmannskost finden, da kamen diese Spinner, diese Fleischverächter, Saladisten und Veganer. Fleischlose Fleischwesen, denen jeglicher Genusssinn abhandengekommen ist und die sich ausschließlich von Beilagen ernähren. Dieser lustlose Abschaum ausgekochter Gemüsebrühen. Sie wollen nicht, dass ein Tier für sie stirbt. Nach deren Auffassung sollte es mich gar nicht geben und damit auch nicht meine Vorexistenz als Sau. Sie erklären selbstgerecht, dass kein Leben besser ist, als ein Leben als Sau. Dabei ist doch die entscheidende Frage, ob diese Sau saugerecht gehalten wird und das haben sie ja in der Hand, wenn sie den Geldbeutel weit genug aufmachen und somit unsersgleichen eine artgerechte Haltung finanzieren. Wie es dem marokkanischen Gastarbeiter in Südspanien geht, der ihr Salathäupl heranzüchten muss, das interessiert sie nicht, auch unter welchen Lebensumständen dieser arme Lapp diese Saladistenbrut in Deutschland füttert, das ist ihnen Wurst, aber ich dürfte nicht Wurst sein. Vor so viel Selbstgerechtigkeit zerreißt es mir manchmal fast den Darm. Übrigens ein arabischer Schafsdarm, wenn es sie interessiert. Ja leider, denn die deutschen Schweinedärme sind durch die Überzüchtung unserer Rasse für derlei Aufgaben nicht mehr geeignet. Aber das ist doch echte interreligiöse Toleranz, wenn der schweinefleischhassende Islamist seine Schafsdärme nach Deutschland verkauft, damit sie hier mit Schwein gefüllt werden. Und mal ganz ehrlich: Als Blutwurst hat man es schon gerne, wenn der Darm hält. So ein Darmdurchbruch ist immer eine unangenehme Sache.

Meine Wiedergeburt als Blutwurst erlebte ich in einem norddeutschen Schlachthof. Als das Blutwurstbrät in den arabischen Schafsdarm strömte, erwachte mein neues Ich und ich fühlte sehr bald, dass ich nun Blutwurst war. Meinen Fettaugen bot sich ein dunkles, archaisches Bild, praktisch ein Blutbild. Ich weiß leider bis heute nicht, welcher Blutgruppe ich angehöre, aber das ist auch nicht so wichtig. Für eine Transfusion werde ich mich eh nicht zur Verfügung stellen und dass ich selber Spenderblut brauche, halte ich für höchst unwahrscheinlich.

Lebenslauf

Blutwurst war nicht mein Anbeginn, das fühlte ich immer schon und als ich mich der Genealogie widmete, stellte sich heraus, dass ich als Ferkel geboren wurde. Meine Mutter war eine Prostituierte, deren Zuhälter ein Rottaler Saubauer war. Sie lebte in einem Schweinebordell mit zahlreichen anderen Nutten und ließ sich ständig mit anderen Saubären ein, die sie allerdings nie zu Gesicht bekam. Stets erschienen sie nur in Form einer Kanüle, die ihr beim Akt wenig bis gar keine Lust bereitete. So lernte sie schnell, dass das Leben einer prostituierten Sau wenig mit Sex aber viel mit Kindern zu tun hat. Meinen Vater lernte ich nie kennen, eine Erfahrung, die ich mit meiner Mutter teile. Angeblich war er ein Filou, der sein Lotterleben mit Samenspenden finanzierte. Der Zuhälter meiner Mutter, trennte mich früh von ihr und legte großes Augenmerk auf mein Wachstum. Fast täglich steigerte ich mein Gewicht und ich war schon nach knapp zehn Wochen so groß, dass der Zuhälter geldlüsternde Augen auf mich warf.

Die erste Reise

Ich befand mich alsbald in einem großen Beförderungsmittel mit vielen meiner Geschwister wieder, auf einer Reise nach Norden. Viel konnte ich nicht sehen, weil das Beförderungsmittel nur schmale Schlitze hatte, die ich meist nicht erreichte, weil ständig irgendjemandem sauschlecht war und den Rüssel aus dem Fenster stecken musste. Es muss wohl eine Fahrt der günstigsten Klasse gewesen sein. Bezahlt hat sie entweder der Zuhälter oder mein neuer Herbergsvater, das habe ich nie erfahren. Egal, ob es der eine oder der andere war, für eine komfortable Reise hatte derjenige jedenfalls nicht viel übrig.

Früher, so entdeckte ich bei meinen genealogischen Ermittlungen, da fanden solche Transporte in Saukisten und auf Pferdefuhrwerken statt. Mit einer Geschwindigkeit, die dem sinnlichen Aufnahmevermögen eines Ferkels gerecht wurde. So kam einer meiner Urahnen als kleines Ferkel in einer Saukiste nach Wegscheid und landete in einem geräumigen Stall, wo er fast ein Jahr lang mit allerlei Köstlichkeiten gemästet wurde bis der Bauer so Richtung Weihnachten auf dem Kirchplatz mit dem Saustecher Sepp das Gespräch suchte und ihn ins Haus bestellte. Der Sepp, so hieß es, kam mit einem Rucksack auf dem Rücken, darin Schussapparat und ein paar Messer, sowie eine Sauglocke, das Beil trug er über der Schulter. Mehr brauchte so ein Saustecher damals nicht, da ließ man der Sau noch eine gewisse Chance, zumindest hatte es aus Sicht der Sau den Anschein, wenn sie ihrem Scharfrichter Auge in Auge gegenüber stand.

Norddeutsche Schlaraffenwochen

Als ich in Norddeutschland ankam, musste ich zunächst feststellen, dass die Menschen dort eine sehr sonderbare Sprache verwenden. Das hört sich an, als wenn eine Eisensäge durch dünnes Blech kreischt. In meinem kurzen bisherigen Leben hörte ich ja ausschließlich Bairisch. Da sieht man erst, wie wichtig es ist, zu verreisen. Ich hätte sonst nie erkannt, wie schön Bairisch klingt. Durch die Reise wurde mir auch klar, dass ich kein Spanferkel werde. Spanferkel ist für ein Schwein so ziemlich die beste Qualitätsstufe, aber halt leider mit einem sehr kurzen Leben verbunden. Man kann halt nicht alles haben. Ich war zum Mastschwein auserkoren und hatte achtzehn Schlaraffenwochen vor mir. Da durfte ich fressen, was und wie viel ich wollte. Wenn ich nicht fraß, lag ich mit vollem Bauch grunzend im Stroh. Fressen was das Herz begehrt, das ist euch Menschen ja ein Wunschtraum, den ihr euch nie erfüllen dürft. Es gibt halt bei euch keine Mastmenschen. Und wenn mal einer so aussieht, dann ist er ein Fettsack oder eine Blunzn. Für ein Mastschwein ist Körperfülle das Ziel, das Maß aller Dinge. Freilich erkauft man sich diesen Ruhm mit einem relativ frühen Ableben. Es gehört zum Leben, Entscheidungen zu treffen. Gut, meine Entscheidung zum Mastschwein wurde mir abgenommen, aber ich fügte mich in diese Entscheidung, als wäre es meine eigene gewesen.

Reise ins Ungewisse

Bedauerlicher Weise geht auch die schönste Zeit einmal vorbei und so waren die achtzehn Mastwochen eines Tages vorüber. Leider kam nach der Mast nicht der Sepp mit seinem Rucksack, sondern ich wurde mit vielen Mitsauen für die zweite Reise meines Lebens vorbereitet. Die fand in einem sehr großen Lastwagen statt, der gar keine Fenster hatte, was ich unheimlich schade fand. Schließlich will man in der kurzen Lebenszeit eines Mastschweins so viel wie möglich sehen. Soweit ich es überblicken konnte, waren alle aus meiner Geburtswoche dabei, praktisch eine Klassenfahrt, aber wir fuhren wieder letzter Klasse. Langsam drängte sich mir die Erkenntnis auf, dass in dieser Branche auf komfortables Reisen kein Wert gelegt wird. Schon nach kurzer Fahrt wurden wir in einem Hof abgeladen, der sich als Schlachthof entpuppte. Eigentlich ahnten wir ja alle, wohin die Reise geht, aber die Unausweichlichkeit verdrängt man halt doch so lang wie möglich. Es braucht viel Mut und Zuversicht auf das Leben danach, sich in die Schleuse zu begeben, die kein Entkommen ermöglicht. Aber das Ziel eines Mastschweins ist eben die Metamorphose zum Lebensmittel, wer A sagt, der muss auch B sagen. Als ich an die Reihe kam, setzte man mir eine Art Kopfhörer auf, dann explodierte es grell in meinem Kopf und alles löste sich auf. Mein Bewusstsein war in einer Art Vollrausch, aus dem ich langsam wieder erwachte. Große Spannung erfüllte mich, was wohl aus mir geworden ist. Schließlich war vom Schweinefilet bis hin zum Hundspresssack alles offen.

Finale in Bad Höhenstadt

Ich finde, dass ich es mit Blutwurst recht gut getroffen habe. Ich habe mal gehört, dass es in Indien mit der Wiedergeburt viel riskanter ist, da kannst du zur Kakerlake werden. Gut, wenn du in Deutschland bei einem Saladisten endest, ist es ziemlich egal, ob du Filet oder Presssack bist. Aber meine Glückssträhne hielt an und ich bin hier in Bad Höhenstatt gelandet, wo man die Blut- und Leberwurst in Ehren hält. Ich kann Ihnen versichern, dass ich für den krönenden Akt des heutigen Nachmittags bestens zubereitet bin und freue mich schon auf die bevorstehende Metamorphose, die mich Ihr Verzehr unterziehen wird. Mein innigster Wunsch wäre halt, dass ich irgendwie Bestandteil von Ihnen werde, also meine ganz persönliche Menschwerdung. Denn im Endeffekt sind wir alle nur ein Teil des ganzen geheimnisvollen Seins, ein Werden, Verändern und Aufgehen in einem Neuen. Das Abenteuer des Lebens. Und wenn sie in Zukunft sagen, „das ist mir Wurst“, dann wissen Sie, dass mein Wunsch in Erfüllung ging.

Nun wünsche ich Ihnen bei meinem Verzehr einen guten Appetit.
Möge ich Ihnen saugut schmecken.

Erwartungsvoll!

Ihre Blut- und Leberwurst