Kanzelschreiber

Der Herdentrieb

Was Webcams mit Klopapier gemein haben

Dass die Deutschen Klopapier horten, ist schon kein Hinweis auf ein lustiges Völkchen. Ich mein, wenn man über das Ziel hinausschießt, hat man es schlicht und ergreifend verfehlt und nicht mit besonders viel Fleiß ins Schwarze getroffen. Wenn ich für eine Bergwanderung zwei Liter Wasser mitnehme, weil das aus Erfahrung reicht, dann werde ich wohl kaum vier Liter im Rucksack herumschleppen. Unsere Gesellschaft ist voll durchoptimiert. Komplizierte Logistiksysteme berechnen den Klopapierbedarf voraus und sorgen für ausreichend Bestand. Wenn, ja wenn da nicht das Hamstergen wäre, das jede Logistiksoftware aus dem Konzept bringt. Wenn den Systemen nicht schleunigst beigebracht wird, dass wir trotz Hamsterkäufe nicht öfter auf's Klo gehen, folglich die angelegten Vorräte lange reichen, dann dürfte in den nächsten Monaten ein ziemliches Überangebot herrschen. Es muss also unbedingt eine Panikfunktion eingebaut werden.

Wenn unsere Versorgung auf solche Verhaltensmuster vorbereitet sein soll, dann müsste logischer Weise von jedem Artikel ein Panikvorrat angelegt werden. Da wir sehr viele Artikel im täglichen Verbrauch haben, wären dafür ganz ordentliche Lagerkapazitäten erforderlich und ziemlich viel Kapital. Vom Klopapier bis zur Webcam. Denn das ist die neue Knappheit. Weil Arbeit seit kurzem daheim stattfindet und man weiterhin kommunikativ sein will, war der üblicherweise vorrätige Bestand an Webcams flugs vergriffen. In der Folge stiegen die Preise teilweise drastisch an. Das löste interessanter Weise keinen Shitstorm aus, das teure Klopapier im Dorfladen schon. So sind eben die Wertigkeiten. Außerdem zahlen ja die Firmen für die Webcams, also was soll's. Merke: Knappheitsbedingte Wucherpreise empören nur bei Billigartikeln oder bei privatem Geldbeutel. Dass es einmal eine Klopapierrationierung geben würde, haben wohl die wenigsten für möglich erachtet.

"Die Ausgangsbeschränkungen wurden weitestgehend eingehalten." Wow, so eine Meldung aus einem bayerischen Sender in den Hauptnachrichten. Ich habe mich ja schon oft über den praktischen Nutzen von "die Ausgangssperre in Kabul wurde weitgehend eingehalten" gefragt, worüber mich ebenselber Sender auf Dauerfeuer gestellt informierte, aber nun ist Kabul auf einmal in Bayern und du fragst dich, ob bei Verstößen eventuell ohne Vorwarnung geschossen wird. "Während der Ausgangssperre wurden letzte Nacht zahlreiche Schichtarbeiter erschossen."  Und wie lange würde uns so eine Meldung empören? Auf einmal wird den Nachbar zum Feind, wenn er die 150 Zentimetergrenze unterschreitet. Gestern noch Bussi Bussi und heute Abstandsregelung. Jeder Huster kann eine Massenpanik entfesseln. Wer nicht mithysteriert wird zum Gefährder.

Aber es hat auch was Gutes. Seit der C-Krise ertrinkt niemand mehr im Mittelmeer. Oder wird es nur nicht berichtet?

Seit der C-Krise gibt es keine Umweltprobleme mehr. Oder ist es auch nur der Mangel an Medieninteresse?

Die C-Krise hat sogar die Dauerführungskrise bei CDU und SPD beendet. Oder nur vergessen?

Sie wird vorbeigehen, die C-Krise und dann werden sie sagen: "Wie gut, dass wir so gut reagiert haben." Und sie werden ihre Maßnahmen mit der geringen Opferzahl rechtfertigen. Sie werden die Ausfälle in der Wirtschaft mit Geld ausgleichen, das sie nicht haben und aufgrund der Steuerausfälle auch nicht bekommen. Folglich wird es neues Geld sein, sehr viel neues Geld. Vielleicht wird das Finanzsystem kollabieren, aber dann wäre das zumindest der erste Totalcrash ohne Krieg und das hätte doch auch was sehr Vernünftiges. Denn dass ein System, welches auf ständiges Wachstum ausgelegt ist, periodisch wie ein Turm aus Bauklötzen in sich zusammenbrechen muss, wird wohl jeder verstehen, der die Erde als Kugel, folglich unwachsbar akzeptiert.

Kein Klopapier

Wenn Sicherheit mit Klopapiervorrat definiert wird

Du siehst sie sofort, die Regale mit Klopapier, weil sie ohne Klopapier sind, gähnend leer. Alles andere ist da, nur Klopapier aus. Klopapierhamstern! Aber warum? Dieses Virus mit "C" macht auf Lunge und nicht auf Verdauung. Also wird der Klopapierbedarf selbst bei flächendeckender Infektion nicht steigen. Aber so kommt es, wenn mal zufällig Klopapier aus ist, sofort entsteht Panik und jegliche Solidarität geht das Klo runter. Maß- und ziellos werden die Rollen gehortet, dass man ja genug hat. Was ist  genug? Gute Frage. Bei Geld scheint es zum Beispiel kein Genug zu geben. Vermutlich gilt das für alles. Dabei kämen wir viel weiter, wenn wir uns sozial verhielten, also auch auf unsere Mitmenschen achteten. Soll ein Mitmensch auf dich achten, auf den du nie geachtet hast? Da muss es schon ein sehr guter, ein sehr sozialer sein, einer, der in seiner Entwicklung weiter ist als du. Würde also jeder nur so viel Klopapier kaufen wie er braucht, gäbe es keine Knappheit. Das Klopapier also ein Gradmesser für unser soziales Entwicklungsdefizit. Pech gehabt, wir sind noch nicht über das Stadium hinweg, in dem es überlebenswichtig war, der Knappheit zu entkommen. 

Natürlich geht die Krise vorbei. Dann stehen die Klopapierhamster vor ihren Klopapierbergen und man wird in den Geschäften fragen müssen, ob das wieder vorhandene Klopapier nicht abgelaufen ist. Wenn die Medien sich sattgekriselt haben, dann verliert das Virus rasant an Gefährlichkeit, vermutlich schneller als die ganzen Pandemiker glauben. Wobei man auch nicht verkennen darf, dass es Menschen gibt, die in solchen Krisen förmlich aufblühen, die sich in Krisenzeiten richtig verwirklichen können, die werden halt dann wieder weniger wichtig sein müssen. Aber mal ehrlich, man kann den Krisenmanagern zuliebe eine Krise nicht aufrechterhalten. Jede Krise hat ein Verfallsdatum, meistens bestimmen es die Medien. Ist das Medieninteresse weg, flaut die Krise ab und verschwindet. Aus der Pandemie wird eine Grippe und aus der Massenhysterie Normalität. Das war noch nie anders. Und als Rechtfertigung wird man sagen, dass es nur so wenig Tote gab, weil man extrem gut vorbereitet war und perfektes Krisenmanagement Schlimmes verhindert hat. Und wer will das Gegenteil beweisen?

Das "C" Virus hat scheinbar alle übrigen Brennpunkte auf der Welt gelöscht. Die brennenden Amazonaswälder, den Krieg in Syrien, die Klimaerwärmung, die Potentaten in Amerika, Russland und der Türkei. Alles nicht mehr Thema. Es wird wohl eine Weile dauern, bis man diese Themen wieder auf Betriebstemperatur bringt, bis sie wieder ordentlich verkauft werden können. Dann können wir endlich wieder mit der beruhigenden Spätnachricht zu Bett gehen, dass in Kabul die Ausgangssperre weitgehende eingehalten wurde. Mich wundert's dann immer, wie ernst die Nachrichtensprecher bei so einer nutzlosen Nachricht in die Kamera schauen können und schalte aus.

 

Wo zwei oder drei

in meinem Namen entsammelt sind

Zuerst dachten die Kirchen schon, man habe sie vergessen. Sofort kamen den Verantwortlichen Gedanken der zunehmenden Bedeutungslosigkeit, dann endlich kam es doch. Bis auf weiteres gibt es keine gemeinsamen Messen und Andachten mehr. Viele Priester sorgen sich nun um die ungewohnte Freizeit und wie mit ihr umzugehen sei. Immerhin fallen auch die Predigten weg und damit die nervige Vorbereitung. Priester reisen gern und weit, doch ist der Radius relativ klein geworden. Vielleicht noch Altötting, aber auch dort nur Kapellplatz und ja nirgends rein, höchstens einzeln und  Abstand. Und dann ist da ja auch das Internet, also nicht um sich alle möglichen Schweinereien reinzuziehen sondern für Onlineangebote an die Gläubigen. Im Rosenkranzportal mit wenigen Klicks zur Rosenkranzcommunity. 

Urbi et Orbi

Aber wie ist das denn eigentlich mit Online? Kommunion geht ja nicht. Oder backt sich jetzt jeder daheim seine Hostien und der Bischof segnet sie über ein Videoportal. Ob das geht? Es kommen Erinnerungen an früher, als man gemütlich um das österliche Festmahl herumsaß und die Reiberknödel dampfend der Schüssel entnommen wurden, während der Truthahn fertig tranchiert auf seinen verzehrenden Auftritt wartete. Natürlich war das Radio an - also bei uns der Radio - und die von Jahr zu Jahr brüchigere Papststimme durchzitterte die Stube mit Urbi et Orbi. Damals gingen wir davon aus, dass der Segen tatsächlich nicht über den Äther bis in unseren Radio vordringen und sich in die Stube ergießen könnte. Nein, da musste man schon persönlich auf dem Petersplatz erscheinen. Aber immerhin schob man den Bissen Truthahn und das Blaukraut mit Ehrfurcht in den fastenzeitlich ausgezehrten Körper.

Ostärfäst

Und dann kam auch noch der Osterwunsch in gefühlten zehntausend Sprachen. "Ihnän allän ein frööhlichäs Ostärfäst!" Da war es muxmäuschenstill in der Stube, selbst die Gabel verharrte reglos über dem Teller. Das fröhlichä Ostärfäst war für uns der eigentliche Urbi et Orbi, dann schalteten wir die Lifeübertragung ab und das Tischgespräch kam in Gang. Manchmal durfte der Papst sogar via Eurovision aus dem Fernseher auf unser opulentes Mahl blicken, aber das war auch nicht wirklich gefährlich. Da konnte nichts durch. Die ganzen Segen wurden alle erfunden, als man sie ausschließlich direkt geben konnte. Mit einem in die Luft gewirbeltem Zeichen,  durch Handauflegung oder sonst einer Geste. Da musste nichts in elektronische Signale umgewandelt werden. Und es gibt bis heute kein gescheites Dogma dazu. 

Verschlüsselter Segen

Kann man den Segen per E-Mail verschicken? Vermutlich nicht, weil faxen konnte man ihn auch nicht. Vermutlich muss das zeitgleich sein, also das Segnen und das Empfangen. Wie beim Zuwerfen eines Balles. Man müsste mal diesen verhärmten Exorzisten in Regensburg fragen. Aber lieber nicht, sonst schafft er das Internet ab und das wäre schon ein harter Einschnitt. Vermutlich würde das Internet wesentlich mehr vermisst als die Kirche. Trotzdem müssen sich die Segensreichen eine Lösung einfallen lassen, also verbindlich festlegen, auf welche Weise Segen digital übertragen werden kann. Braucht es eine Verschlüsselung, damit der Segen nicht gehackt werden kann? Alles Dinge, die schleunigst einer Entscheidung bedürfen, damit wenigstens die Kreuzigung am Karfreitag stattfinden kann. Schon auch interessant, dass die Kirche die Kreuzigung als Kreuzfeier bezeichnet. 

Infektiöse Wundmale

In früheren Jahren lag nach der Kreuzfeier ein barockes Kreuz auf dem Boden und man musste sich hinknien und die Wundmale küssen. Wie sehr hätte ich mir in damaligen Kindertagen ein Coronavirus gewünscht, mir grauste fürchterlich. Aber da musste man durch und wurde unbegreiflicherweise auch dann nicht krank, wenn man der Soundsovielte war, der seine Lippen auf die mit reichlich Speichelgemisch übersähten Wundmale drücken musste. Vermutlich wird man sich in einer katholischen Whatsapp-Gruppe zum Ostergottesdienst treffen, schön gemütlich auf dem Sofa, duftender Kaffee. Halt keinen persönlichen Friedensgruß, aber den mögen viele Segensreiche eh nicht. Man wird es gar nicht schlecht finden und beschließen, dass man es auch künftig an Sonntagen so hält. Immerhin kein Auto, also auch noch umweltfreundlich.

Grüner oder nicht grüner

Wie man Wahlergebnisse zurechtfertigen kann

Der bayrische Ministerpräsident verkündet die Grünen als die großen Verlierer der Kommunalwahl und die Grünen bezeichnen sich als die großen Gewinner und benennen als großen Verlierer die CSU. Wie kann das zusammenpassen? Wer lügt da am dreistesten? 

Wenn man sich die Kommunalwahlen so anschaut, dann haben die Grünen die Zahl der Mandate verdoppelt. Wenn das verlieren ist, dann dürfen sich die Grünen über diesen Verlust kräftig freuen. Dass diese Zugewinne anderen abhanden gekommen sind, liegt in der Natur der Sache und die meisten Abgänge hat der selbsterklärte Gewinner CSU. Aber Söder meinte ja vermutlich, dass die Grünen den OB-Posten in Landshut nicht ergattern konnten. Da steht die Grünen Kandidatin nun in der Stichwahl mit dem FDP-Kandidaten. Die Grünen also in der Stichwahl und nicht die CSU. Vielleicht ist es das, was Söder als großen Verlierer bezeichnet.

Wer von Söder das Prädikat "großer Verlierer" bekommt, hat es also in Wirklichkeit ganz gut. Aber er meint ja vermutlich auch etwas anderes. Könnte ja sein, dass die Grünen bei der CSU verloren haben, also nicht mehr so dicke Freunde sind. Oder zumindest nicht mehr so angesehen. Oder sind die Grünen die "großen Verlierer", weil sie schön langsam zum großen Angstgegner der CSU wachsen. Immerhin sind sie in München die größte Fraktion im Stadtrat geworden. 

Söder mag verlieren lassen wen er will, das wird die Verlierer nicht stark kümmern. Wir leben in Umbruchzeiten. Der Turbokapitalismus, die Klimaveränderung. Irgendwie leben wir in einer Allesveränderung. Arbeit verändert sich, Bedenkenlosigkeit gilt nicht mehr, auch Wachstum muss neu definiert werden und sich vom Verbrauch lösen. Bei den "großen" Volksparteien zeigt sich Orientierungslosigkeit. Für Altmaier ist Klimapolitik nur im Rahmen der Wirtschaftsverträglichkeit möglich. Aber reicht das? Der "Club of Rome" hat das alles vor über fünfzig Jahren prognostiziert. Es wäre damals viel leichter gewesen, gegenzusteuern. Jetzt wird es entweder so oder so drastisch. Also die Maßnahmen oder die Auswirkungen. 

Braucht es also neue Parteien für neue Lösungen? Vermutlich ja, denn die "alten" so genannten "bürgerlichen" Parteien sind zu sehr mit der Wirtschaft verstrickt, als dass sie die erforderlichen Veränderungen bewirken könnten. Es hat Parallelen zur Agenda 2010, die damals von der SPD durchgesetzt wurde, was im Grunde total gegen die eigenen Mitglieder gerichtet war. Dieses Problem haben die Grünen nicht, denn deren Mitglieder akzeptieren Einschnitte für die Natur- und Klimarettung. Sie werden also bei der Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen kaum Mitglieder verlieren. Wähler schon, denn es ist einfach Grün zu wählen, ein tolles Gefühl. Da hat man sogar was für die Umwelt getan. Aber trägt das, wenn es an Geldbeutel oder die eigenen Freiheiten geht?

Im Grunde weiß jeder, dass wir auf dem Vulkan tanzen. Dass ein 6-Zylinder eigentlich nicht mehr geht. Ebenso eine Kreuzfahrt oder die Flugreise. Selbst die Leugner wissen es, würden es halt nie zugeben. Es ist halt leicht den Luxus auszuweiten aber schwer ihn zu reduzieren. Ob das nun die Luxusskigebiete sind oder die Wellnessressorts, die tempolosen Autobahnen oder die ungezügelte Bautätigkeit. Wir wissen es längst aber wir lehnen uns innerlich dagegen auf. Der Tanz soll weitergehen. Dabei sollte man sich wirklich überlegen, ob man das alles tatsächlich braucht, wenn dadurch die Ressourcen künftiger Generationen verbrannt werden. Unserer Kinder, Enkel und Urenkel.

Wer die Chance hat, soll sie auf den Schoß nehmen, in ihre freudigen Augen schauen und ihnen dann ins Gesicht sagen, dass sie es schlechter haben werden, weil wir auf unseren Luxus nicht verzichten wollen. Mal sehn, wer das schafft.

Kirchenreform

Das Verschwinden der Basis

Das moderne Leben ist komplett von der Kirche abgekoppelt. Religion institutionalisiert. Man kann Religion nach Bedarf konsumieren. Oder aber nicht, was immer mehr Menschen vorziehen. Eine Folge der Erstarrung der Kirche und die eine Folge der Zukunftsangst. "Möge diese gottlose Zeit vorüberziehen!" Da wird sie sich wohl täuschen. Die Menschen leben viel selbstbestimmter, als sie das vor zwei Generationen konnten. Jeder entscheidet sich selbst oder denkt das zumindest, während ausgefuchste Werbestrategen die richtigen Knöpfe drücken. Dieser Knöpfe bedienen sich immer mehr freikirchliche Organisationen und sind damit sehr erfolgreich. Immerhin haben Kirchen das ewige Leben im Angebot und wer will darauf verzichten.

Bedenkt man, wie gravierend sich die Welt in den letzten fünfundzwanzig Jahren verändert hat und wie wenig sich die katholische Kirche bewegte, dann bekommt man eine Ahnung vom Ausmaß des Reformstaus. Während das Dach einzustürzen droht, streiten die Unverantwortbaren über die Notwendigkeit einzelne Dachziegel auszutauschen. "Ja, Herr, wir haben deinen Sohn gekreuzigt, aber musstest du uns mit dieser katholischen Kirche so hart dafür bestrafen?"

Die Amtskirche treibt auf einer schmelzenden Eisscholle von der Welt weg. Immer weniger sehen ein, dieses Museumsstück weiter zu finanzieren und die Androhung des Entzugs des ewigen Lebens entlockt ihnen maximal ein Lächeln. Die Unfähigkeit im Umgang mit den Missbrauchsfällen kommt bei den Christen an. Hinzu kommt der große Anteil von Homosexuellen in der Priesterschaft, der von der Katholischen Kirche weitgehend mit Stillschweigen behandelt wird, als wäre es nach wie vor Sünde, als was es die Kirche Jahrhundertelang anprangerte. Und das muss man sich erst einmal vorstellen, dass Homosexuelle die Homosexualität anprangerten.

In unserer Welt sind Geheimnisse schwer zu bewahren. Wer wissen will, was in der katholischen Kirche los ist, der wird sogar von namhaften Autoren aus dem inneren Kreis informiert. Und wer es weiß, der tut sich schwer damit, dem Klerus den Hüter des wahren Glaubens abzukaufen. Zum Abkehr gehört Mut, denn die Erziehung! Soll das alles umsonst gewesen sein? Das muss jeder für sich entscheiden. Viele tun es und gehen. Und das schlimme dabei: Sie vermissen es nicht. Denn wie soll man vermissen, was man nicht akzeptiert. Die Jungen haben mit dem Austritt überhaupt kein Problem. Die etwas älteren schon, denn da ist etwas tief Eingepflanztes, das zwar lange schon vor sich hin dorrt aber noch lebt. Die Alten bleiben. Sie wollen den Scheck einlösen. 

In ein paar Jahren werden die Alten die Eintrittskarte eingelöst haben, die neuen Alten weniger sein und die Jungen weitgehend verschwunden. Das ist der Preis der Verweigerung von Reformen. Ob sich dann die Verantwortlichen immer noch um Dachziegel streiten oder das Dach eingestürzt ist, wird sich zeigen. In Notré Dame fordert der Brand eine Entscheidung, die die Optionen sehr schön veranschaulicht. Entweder die Kirche wieder original aufzubauen oder die Chance zu nutzen um etwas Neues und Innovatives zu schaffen. Für die Rekonstruktion braucht es nur viel Geld, für einen innovativen Ansatz Mut. Und welche Alternative wird der Zukunft gerechter?

Das Wanken der CSU

Absturz aus Realitätsverweigerung

Alle Blicke richten sich auf die taumelnde CDU. Auf die herbeigesehnten Abgangsankündigung der Vorsitzenden folgte ein zu tiefst egoistisches Hauen und Stechen. Nur die Kanzlerin schwebt über den Dingen, als ginge sie ihre Partei nichts mehr an. Und die CSU? CSU-Vorsitzender und Ministerpräsident Söder ermahnt die ziemlich größere Schwester, dass ohne CSU in Sachen Kanzlerkandidatur gar nichts gehe und tut damit so, als sei er der fest im Sattel sitzende Bayernkönig. Aber nichts ist mehr fest an diesem Sattel. Mit dem Volksbegehren für mehr Artenschutz hat die CSU eine extrem schmerzhafte Niederlage einstecken müssen und es wäre noch schmerzhafter gekommen, hätten sich CSU und FW dem Volksbegehren verweigert. Eine Niederlage beim folgenden Volksentscheid wäre so sicher gekommen, wie das Amen in der Kirche.

Von Saulus zum Paulus

Der CSU blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sogar ein weitergehendes Gesetz auf den Weg zu bringen. Wer könnte ihr diesen Wandel vom Saulus zum Paulus abkaufen? Die Grünen sicher nicht und schon gar nicht die Mitglieder, die ihre Partei nicht wiedererkennen. Söder versucht aus der CSU eine grüne Partei zu machen. Wohl nicht, weil er überzeugter Grüner ist, sondern weil er von Seehofers vergeblichem Rechtsruck den Schluss gezogen hat, dass keine Wähler von der AfD zurückgeholt werden können, wohl aber weitere zu den Grünen abwandern. Ja, was machst du da als frischgebackener Ministerpräsident, der sich von den Bienenschützern eine saftige Bockfotzn eingefangen hat? Was machst du, wenn du feststellen musst, dass sich die Grünen auf einmal Direktmandate holen? Das gab es ja in Bayern noch nie. Söder hat die Grünen zum Erzfeind erklärt und will sie nun mit einer neongrünen CSU vom Platz fegen. Den Grünwähler also mit Grellgrün oder Lasergrün oder noch besser Photonengrün so lange zu blenden, bis dieser CSU wählt. Wenn er sich da nur mal nicht selbst verblendet. 

Die Rechnung ohne den Wirt

Da muss man zunächst mal fragen, warum so viele nun auf einmal grün wählen. Das Artenschutz-Volksbegehren hat sicher mache wachgerüttelt, aber es ist ja nicht aus Jux und Tollerei initiiert worden, sondern weil die Natur immer mehr in Schieflage gerät. Sie tut es immer noch, denn bislang ist von der Gesetztesinitiative zu mehr Artenschutz kaum was umgesetzt. Es wird immer noch Gift gespritzt, es wird immer noch überdüngt, die Vermaisung der ländlichen Gegenden ist kaum eingedämmt. Tag täglich werden Flächen versiegelt und immer noch neue Straßen gefordert. Will die CSU so die abgewanderten Wähler zurückgewinnen? Also startet sie eine Verleumdungskampagne gegen die Grünen und verunglimpft sie als Verbotspartei. Kann sie damit Wähler vom Wechsel zu den Grünen abhalten? Nur die Dummen und dumme Grünwähler sind rar. Denn wer zu den Grünen wechselt, hat einen langen Entscheidungsprozess hinter sich. Somit hat die CSU wohl auch diese Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Wirtschaftskompetenz

Ein Knackpunkt ist die Wirtschaftskompetenz. Aber auch hier muss man feststellen, dass der Neoliberalismus zwar eine florierende Wirtschaft regelrecht explodieren ließ aber der Preis dafür teuer wird. Und den Preis zahlen nicht die Profiteure. Denn die Profite sind längst gemacht, die Globalisierung hat den Globus umrundet und vielerorts verbrannte Erde hinterlassen. So kann man mit Erde nur umgehen, wenn man unerschöpflich viel davon hat. Doch stellen sich die Katastrophen leider schneller ein, als selbst die Pessimisten erwarteten. Dabei sind die Auswirkungen des Klimawandels noch gar nicht so richtig zu spüren. Trotzdem drängt die Union darauf, dass Ökologie die Ökonomie nicht bremsen darf. Das Wachstum halt. Also könnte unsere Erde auch nur ein bisschen wachsen. Die CSU hat keinerlei Plan für eine Ökonomie ohne Wachstum, aber das ist die einzige Ökonomie, mit der wir unsere Erde lebenswert erhalten können, was dauerhaft funktionieren kann. Der Kommunismus ist gescheitert, aber nicht an der Idee, sondern an den Menschen. Es braucht eine völlig neuen Ansatz.

Die neue Ökonomie

Wirtschaft muss ökologisch und ökonomisch sein. Sie muss sich also so gestalten und entwickeln, dass sie die Lebensgrundlagen erhält und sogar fördert. Ein völlig neuer Ansatz. Wir brauchen ein neues Wirtschaftssystem. Monopoly bringt uns um und auch Börsen, die Profit hinterherjagen. Für diese neue Ökonomie müssen die fähigsten Köpfe die Strukturen entwerfen. Geht es nicht letztlich darum, jedem Menschen eine ausreichende Lebensgrundlage zu ermöglichen? Wer heute ernsthaft den Sinn eines Tempolimits auf Autobahnen anzweifelt, hat nicht erkannt, wo wir stehen. Die CSU hat nicht erkannt, dass die Wähler umdenken. Sie war es gewohnt, das Denken vorzugeben. Ein verlässlicher Vordenker. Das C wird zum Verhängnis. Auch die Kirchen verweigern sich den Erfordernissen bis zum Untergang.

Die Verweigerung

Man könnte die Generation 1960 - 1970 als Generation  "No Limits" bezeichnen. Es ist die Generation, die plötzlich alles konnte und der immer weniger Grenzen gesetzt waren. Fernreisen, PS-Power, Wohnluxus. Diese Generation erlebte die Explosion des Wohlstands und genoss ihn in vollen Zügen. Nachfolgende konnten das auch, wurden aber schon mit den negativen Folgen konfrontiert. Mit Müllbergen, Luftverschmutzung, Atommüll. Jeder weiß, dass wir von diesen Standards runter müssen, aber viele wollen nicht. Sie verweigern sich der Vernunft und setzen die Party fort. Aber es macht nicht mehr so viel Spaß. Sie beschimpfen die Spaßverderber, die Gretas als eigentliches Problem. Trotzdem wissen sie, dass ein Damoklesschwert über ihnen hängt. Verzicht tut weh. Windräder stören den Blick. Stromtrassen nein, Autobahnen ja! Das zeigt die Schizophrenie des Ganzen. Wir wollen, was Spaß macht und verweigern und den Erfordernissen. 

Dass der Prozess des großen Gesellschaftlichen Wandels erst relativ spät, ja fast zu spät in Gang kam, liegt wohl in der Natur des Menschen, weil wir halt nur zu gerne an Bewährtem festhalten, an funktionierenden Systemen. Die Windenergie hätten wir schon viel früher ausbauen können. Warum brauchten wir für den Atomausstieg Tschernobyl und Fukushima? Alternative Antriebssysteme haben wir total verschlafen und sorgen uns nun um deren Umsetzbarkeit. Aber hier kann man Merkels vielkritisierten Ausspruch missbrauchen: Wir schaffen das. Natürlich schaffen wir das. Wir sind halt spät dran.

CSU hat den Zug verpasst

Die CSU hat es total versäumt, auf diesen Zug aufzuspringen. Viel zu sehr war und ist sie mit der Wirtschaft verbandelt und die Wirtschaft ist auf Kurzfristigkeit ausgerichtet. Die Gewinne von heute sind wichtig, nicht die von morgen. Dass die heutigen Gewinne die morgigen verhindern, dazu fehlt der Weitblick. Den muss die Politik geben und dazu hat die CSU derzeit weder Ideen noch Kompetenz. Die Grünen hat sie lange Zeit belächelt, nun fürchtet sie sie. Zurecht. Für neue Wirtschaftsysteme haben die Grünen auch keine fertigen Lösungen, aber sie wollen sie und sie haben die Kompetenz sie zu schaffen. Diese Kompetenz kann sich die CSU nicht so einfach mit einem grünen Mäntelchen überwerfen. Sie hat den Zug verpasst. Die Hoffnung heißt grün und die Zukunft auch. Es braucht einen Wandel und es kommt ein Wandel. Wie so oft beginnt der Wandel in den Städten und springt dann auch auf's Land über. Noch dominiert die CSU die ländlichen Stammtische, aber nur mit Themen von gestern. Die Zukunft gehört ihr nicht. Nicht einmal an niederbayerischen Stammtischen. Die CSU ist eine Partei für vergangene Lebens- und Wirtschaftsbedingungen, die ihre Zeit gehabt hat. Diese Zeit wird nicht wiederkommen.